HEAT von Jacqueline Zünd

© filmcoopi

Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon.

Denn bei Hitzegraden von über 50° Celsius ist jeder Aufenthalt im Freien mörderisch, geschweige denn Arbeit. Zum Glück für sie hätte die Kamera jeweils etwas früher die Arbeit verweigert als ihre Körper, so dass sie sich zwischendurch ins gekühlte Auto hätten zurückziehen müssen für eine Pause, erzählte Zünd.

Heat aber dokumentiert im Kern jene, denen dieser Rückzug verweigert wird. Die Wanderarbeiter und Arbeitsmigrantinnen in diesen künstlichen Metropolen in den Golfstaaten. Wer reich genug ist, lebt in klimatisierten Türmen, geht joggen in den gekühlten Malls, oder verlässt im Sommer die Stadt überhaupt.

Jene, die arbeiten müssen dagegen, bezeichnen diesen Alltag rundweg als Folter.

Da ist der junge Mann aus Uganda (oder aus Indien), der als Foodkurier mit dem Motorrad durch die Hitze fährt, in Vollmontur, weil auch der Verkehr mörderisch ist und jeder kleinste Fehler tödlich. Unter dem Helm fühle es sich an, als ob einem der Kopf gekocht würde, sagt er.

Den Helm trägt er aber immer, wenn die Kamera dabei ist. Sogar vor dem Schlafen auf seiner Pritsche. Und das hat andere Gründe, dramaturgische und politische, die damit zu tun haben, dass diese Arbeitsmigranten nicht frei sind, nicht offen über ihre Arbeitsbedingungen reden dürfen. Sonst drohen Gefängnis und Abschiebung.

Die junge Mutter aus einem anderen afrikanischen Land bewegt sich freier vor der Kamera. Sie hat ihren Sohn bei einer Tante zurückgelassen, um in Kuwait das Geld für seinen Unterhalt zu verdienen. Sie arbeitet in einer Ice-Lounge in einer der Malls, einem Eiscafé, und das ist wörtlich zu verstehen: Die Gäste sitzen auf Eisblöcken, zwischen Eisskulpturen, und werden bedient vom Personal in Polarjacken mit Fellmützen. Wenn sie am Abend in ihre WG zurückkommt, muss sie sich zuerst unter der warmen Dusche aufwärmen, bevor sie mit ihrem Sohn telefonieren kann.

Aber Heat ist keine Fernsehdokumentation über ausbeuterische Verhältnisse, sondern, wie immer bei Jacqueline Zünd, ein Kinogesamtkunstwerk über Menschen in ihren individuellen Lebenssituationen.

Schon die ersten Bilder auf der Leinwand fegen einem über den Kopf hinweg, extreme Hitzespiegelungen in der Wüste, Mirages, Fata Morgana, eine Gestalt, die auf die Kamera zuzugehen scheint, ein Fahrzeug, dass über oder durch die Gestalt hindurchflirrt, dazu ein tiefes Brausen auf der Tonspur von Marcel Vaid: Wie klingt Hitze?

Die ersten Probeaufnahmen, gedreht gerade nach der Pandemie in Dubai, seien enttäuschend ausgefallen, erzählt Jacqueline Zünd. Obwohl sie in der Hitze zu schmelzen glaubten, hätten die Bilder ausgesehen wie Zürich im April. Und die Windgeräusche, die zur extremen Hitze im persischen Golf dazu gehören, die würden wir Gfrörli in der Schweiz assoziativ auch eher mit Kälte in Verbindung bringen. Darum hätten sie von Anfang an mit Bild und Ton und Locations tüfteln müssen.

Das ist mehr als gelungen. Heat bringt uns als Dokumentarfilm eine wahrhaft dystopische Welt körperlich nahe, eine Welt, die so existiert und, wie einer der Protagonisten, ein distinguierter Fernseh- und Radiometeorologe in Kuwait, unermüdlich predigt, schlimmer werden wird: «But nobody listens», stellt er immer wieder fest.

Wer Jacqueline Zünds frühere Dokumentarfilme kennt, fühlt sich in Heat schnell heimisch. Denn auch das gehört zu ihrer Kunst. Da gibt es keine «Talking Heads» die uns adressieren. Die Aussagen der Protagonistinnen und Protagonisten kommen von der Tonspur, während wir sie in alltäglichen Situationen sehen. Beim Gehen, beim Weinen, bei der Arbeit oder auf dem Weg dazu.

Es sind vier Menschen, die uns dieser Dokumentarfilm näher bringt. Nicht so nahe, dass wir sie schliesslich zu kennen glauben. Nur nahe genug, dass wir ihre Lebenssituation nachfühlen können. Und als Bonus bekommen wir Breitleinwandbilder von einer erschreckenden Schönheit, von Orten, die sich der Welt sonst ganz anders präsentieren.

Premiere war am 20. April 2026 an den Visions du Réel 2026
Zweite Vorstellung am Samstag, 25 April 2026
Filmverleih über filmcoopi – Kinostart noch offen


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.